[Rezension] VOX - Christina Dalcher

Roman

Quelle: Verlagsseite
Verlag: S. FISCHER
Hardcover mit 400 Seiten
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag 
Übersetzt von Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
ISBN: 978-3-10-397407-2
Erschienen am 15.08.2018
Preis € 20,00 (D)





Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen


Wie würdest Du reagieren, wenn Du nur noch 100 Wörter am Tag sprechen dürftest?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Jean seit gut einem Jahr, denn seitdem trägt sie den Wortzähler an ihrem linken Handgelenk. Für jedes Wort, das sie spricht, steigt die Zahl auf dem Display. Ab 100 Wörtern erwartet sie ein kräftiger Stromschlag, der sich alle 10 Wörter erheblich steigert, bis es zu schweren Verbrennungen kommt. Jean ist keine Ausnahme, denn alle Frauen tragen nun einen Wortzähler. Alle Frauen sind praktisch über Nacht entmündigt worden. Sie dürfen nicht mehr sprechen, nicht mehr arbeiten, mussten ihren Pass und ihre Handys abgeben. Ihre Bücher, Laptops oder Schreibutensilien werden sicher von den Ehemännern verschlossen, damit die Frauen sich nicht untereinander verständigen können. Auch Zeichensprache wird nicht geduldet. Wer es dennoch praktiziert, wird in ein Gefangenenlager gebracht.
Die Frau ist nichts mehr wert, nur noch der Mann hat das Sagen. Doch Jean erkennt eine Möglichkeit, wenn sie sich bietet, denn sie gibt nicht auf und kämpft um ihre Stimme, als es bereits fast ausweglos erscheint.

Christina Dalcher bringt mit dem Roman „VOX“ so manche Gefühle in Wallungen, denn sie vermittelt durch die Worte ihrer Protagonistin Jean eine Unmenge an Wut, Aggressivität und Machtlosigkeit.

Diese Geschichte projiziert eine schreckliche Zukunft, denn die Stimme wird den Frauen genommen. So auch der Hauptfigur dieses Buches.
Dr. Jean McClallan ist eine erfolgreiche Medizinerin, die sich auf klinische Untersuchungen am Gehirn spezialisiert hat. Bis vor einem Jahr hat sie zusammen mit zwei sehr wichtigen Kollegen an einem Serum geforscht, dass Schlaganfallpatienten helfen sollte. Doch von einem Tag auf den anderen durfte sie die Forschungen nicht mehr weiterbetreiben, denn sie ist schließlich eine Frau. Und Frauen gehören nach Hause, an den Herd, in den Schoß der Familie.
Als der Bruder des Präsidenten nun an einem Hirnschaden leidet, soll Jean weiterarbeiten und für die Rettung des Selbigen sorgen. Doch sie hat ein negatives Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht, doch was ist es genau? Sollte sie weiterarbeiten und gibt es so vielleicht eine Chance, ihre Familie zu retten.

Denn nicht nur Frauen sind von den Wortzählern betroffen, auch kleine Mädchen müssen diesen bereits tragen. Kurz nach der Geburt wird den Mädchen das Gerät angelegt und sie dürfen sie Sprache gar nicht erst erlernen. Jean hat eine sechsjährige Tochter und macht sich große Sorgen um ihre Jüngste. Die drei älteren Kinder sind bereits auf dem richtigen Wege, indoktriniert zu werden, denn der Schulplan ist bereits auf die neuen Grundregeln angepasst worden.

Die Handlung selbst ist gar nicht von so großer Bedeutung. Vielmehr sind es die vielen Kleinigkeiten, die für Entsetzen sorgen. Die Stellen, wenn der siebzehnjährige Sohn seiner Mutter sagt, dass sie nur dafür da sei, den Haushalt zu führen. Die Stellen, wenn drei Frauen sich im Supermarkt mit Händen und Füßen unterhalten und anschließend vom Sicherheitspersonal abgeführt werden. Die Passagen, wenn eine Minderjährige vorehelichen Geschlechtsverkehr verübt und dafür öffentlich gedemütigt wird. Es sind die kleinen Dinge, die dieser Erzählung so viel Ausdruck verleihen, weshalb alles so lebendig und authentisch erscheint.

Christina Dalcher hat außerdem das Talent, während eines Absatzes mühelos in der Zeit zu springen. Während Jean gerade eine Handlung ausübt, driftet sie gedanklich ab und erzählt aus ihrer Jugend oder vor der Einführung der Wortzähler. Dabei werden ihre Emotionen sehr bildlich und fesselnd beschrieben. Es ist einfach sich die vierfache Mutter vorzustellen und mit ihr zu bangen.

Dieses Buch sorgt für große Emotionen!

Mein persönliches Fazit:
Als ich von diesem Werk erfahren habe, wusste ich einfach, dass ich es lesen muss!
Und ich bin sehr glücklich, dass der Verlag mit vorab mit einem Exemplar versorgt hat, denn diese Geschichte hat mich richtig mitgerissen.

Während der ersten etwa hundert Seiten habe ich eine unbändige Wut in mir gespürt, weshalb ich gleich meine ganze Familie zur Hausarbeit verdonnert habe. Schließlich ist es nicht nur die Sache der Frau. Emanzipation ist in der heutigen Zeit ein wichtiges Gut. Doch in diesem Werk wird es nicht geduldet. Hier sind Frauen wertlos. Reine Hausfrauen und Geburtsmaschinen. Schrecklich!
Doch genau das hat mich an dem Werk so gefesselt, denn die Autorin schreibt so herrlich leidenschaftlich, dass ich mich wunderbar in Jean hineinversetzen konnte. Ihre Liebe zur Familie, aber auch ihre Sorgen und Ängste sind während des gesamten Lesens absolut präsent und nachvollziehbar.
Mein einziges kleines Manko, wenn ich es so nennen darf, ist das Finale. Hier geht mir alles etwas zu schnell und wenig logisch vonstatten. Ein paar Passagen habe ich doppelt gelesen, weil ich befürchtete, irgendetwas überlesen zu haben. Doch es fehlte nichts, nur der Zusammenhang kam nicht ganz bei mir an. Aber davon abgesehen, ist es ein fantastisches Werk, das auf jeden Fall gelesen werden muss. Es sollte abschreckend wirken, denn wenn eine Regierung erst der Frau die Stimme nimmt, was passiert als Nächstes? Homosexualität wird unter Strafe gestellt, Sklaverei wird wieder eingeführt und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung? So weit weg von der Realität sind die Ideen der Autorin nicht. Hoffen wir alle, dass sie reine Fiktion bleiben.

Wenn ihr mehr über dieses Buch erfahren wollt, dann besucht doch mal die Verlagsseite.
Ein Klick, der sich lohnt. Viel Freude.

Vielen Dank an den S.Fischer-Verlag, für das kostenlose Rezensionsexemplar.

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